»Globalisierung ist 1. unvermeidbar, 2. ambivalent
(mit Gewinnern und Verlierern), 3. unberechenbar (kann zum ökonomischen
Mirakel oder Debakel führen), aber auch – und das ist mir das
Wichtigste – 4. Steuerbar. Konkret heißt das: Wir brauchen
eine Neuordnung des globalen Finanzsystems, so etwas wie ein neues Bretton
Woods-Abkommen. …
Hat dieser ›globale Markt‹ ohne alle
Grenzen, Hemmungen und Regelungen nicht die Finanzkrise mit ihren noch
unabsehbaren Auswirkungen überhaupt
erst möglich gemacht? Untergräbt dieser völlig ungeregelte
Markt mit seinen kurzfristigen spekulativen Investitionen nicht die langzeitigen
Industrieinvestitionen, die meist weniger rentieren, ja stellt er nicht
die Stabilität des Weltfinanzsystems selber in Frage? …
Eine Besinnung auf das notwendige Minimum an bestimmten
ethischen Werten, Grundhaltungen und Maßstäben, eben ein Weltethos
für diese
Weltgesellschaft und Weltwirtschaft, tut not, auf das alle Nationen und
alle Interessengruppen, verpflichten können. Wie eine Rahmenordnung
für die Finanzmärkte (ähnlich wie seinerseits das Bretton
Woods-Abkommen) global gelten müßte, damit die Teilnehmer bei
Einschränkungen nicht einfach in andere Märkte fliehen, so müßte
auch ein ethischer Grundkonsens global gelten, damit ein einigermaßen
friedliches und gerechtes Zusammenleben auf unserem Globus gewährleistet
ist. Also: Gerade der globale Markt erfordert ein globales Ethos!«
Als Reaktion auf die Weltfinanzkrise hat der G-20-Gipfel vom April 2009 – ganz
auf der Linie des obigen Zitats – strengere Regeln für die Finanzmärkte
beschlossen. Das Zitat stammt aber weder von einem am Gipfel beteiligten
Politiker noch von einem Wirtschaftsfachmann, sondern es stammt von Hans
Küng und ist aus dem Jahr 1998: aus einem
Vortrag vor Vertretern aus Wirtschaft, Politik und öffentlichem Leben
vor dem Hintergrund der damaligen Asienkrise. Erst jetzt – elf Jahre
später, in einer neuen, noch dramatischeren Weltfinanzkrise – hat
sich durchgesetzt, was damals von Hans Küng und wenigen anderen gefordert
wurde.
In diesem Sinne arbeitet die Stiftung Weltethos derzeit
mit einer Gruppe von Fachleuten an einer Erklärung »Weltethos – Konsequenzen
für globales Wirtschaften«, welche die Grundlinien formuliert
für ein globales Wirtschaftsethos, also gemeinsame
fundamentale Vorstellungen über Recht, Gerechtigkeit und Fairness,
das auf moralischen Prinzipien und Werten aufbaut, die seit alters her von
allen Kulturen geteilt und durch gemeinsame praktische Erfahrung getragen
werden.
Die Autoren dieser Erklärung – so die Präambel – sind überzeugt: »Die
Globalisierung des wirtschaftlichen Handelns wird nur dann zum allgemeinen
und nachhaltigen Wohlstand und Vorteil aller Völker und ihrer Volkswirtschaften
führen, wenn sie auf die beständige Kooperationsbereitschaft und
werteorientierte Kooperationsfähigkeit aller Beteiligten und Betroffenen
bauen kann. Die Kooperation aller Beteiligten und Betroffenen wird nur
dann verlässlich gelingen, wenn das Streben aller nach Realisierung
des legitimen Eigeninteresses und nach gesellschaftlicher Wohlfahrt eingebettet
ist in globale ethische Rahmenbedingungen, die allgemein als gerecht
und fair akzeptiert werden. |