Altbundeskanzler Helmut Schmidt schreibt
in seiner Bilanz »Außer Dienst« über Hans Küng
und das Projekt Weltethos:
»Unter den zeitgenössischen Denkern, die überzeugt davon
sind, dass es tatsächlich einen großen, den Weltreligionen gemeinsamen
Bestand an ethischen Grundsätzen und Lehren gibt, ragt Hans Küng hervor,
dem ich viele Male begegnet bin. Dieser katholische Priester hat, gemeinsam mit
Gleichgesinnten aus anderen Weltreligionen, in zäher ökumenischer Arbeit
den allen Religionen gemeinsamen moralischen Grundkanon herausgefiltert und aufgeschrieben.
Das Ziel, das Küng mit großem persönlichen Einsatz ins öffentliche
Bewusstsein zu heben sucht, ist ein allen gemeinsamer Wertekanon, den er ›Weltethos‹ nennt.
Es mag sein, dass dieses Wort sehr anspruchsvoll erscheint, aber das ganze Projekt
ist zwangsläufig sehr anspruchsvoll. Es verdient jede Unterstützung.
Denn wenn die Muslime erfahren, dass der Koran in großer Zahl die gleichen
Gebote erhält wie der Tanach und die Prophetien der Juden oder das Neue
Testament der Christen; wenn die Christen erfahren, dass die wichtigsten ihrer
moralischen Lehren im Buddhismus oder im Hinduismus ähnlich gelehrt werden;
wenn die Gläubigen aller Religionen begreifen, dass sie seit Jahrtausenden
in ähnlicher Weise eine größere Zahl von grundlegenden Regeln
und Verboten befolgen – dann kann dieses Wissen entscheidend zum gegenseitigen
Verständnis beitragen. Es läuft hinaus auf die in allen Weltreligionen
gelehrte goldene Regel, die Immanuel Kant in seinem Kategorischen Imperativ lediglich
neu formuliert und die der deutsche Volksmund in den Merkvers verdichtet hat: ›Was
du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu‹.
Küngs ökumenisches Projekt hat mich von Anfang an begeistert. Sein
verantwortungsbewusster Ansatz entspringt der gleichen Einsicht, von der seinerzeit
Anwar as Sadat ausgegangen war. Weil Küng über die drei monotheistischen
Religionen hinausgreift, darf er sehr wohl als ein universaler Denker gelten;
zuletzt hat auch Papst Benedikt XVI. ihm seinen persönlichen Respekt erwiesen.«
|