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Weltethos und Musik
 
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-›› Rückschau auf die Chorsymphonie »Weltethos«, von Hans Küng


 
 
Foto: Monika Rittershaus
 
»Weltethos«
Werkkommentar von Jonathan Harvey

 
 

»Bei ›Weltethos‹ handelt es sich um ein umfangreiches Werk, das aus sechs Sätzen von je circa 15 Minuten Aufführungsdauer besteht. Die Besetzung umfasst gemischten Chor, Kinderchor und Sprecher sowie großes Orchester und Orgel. Es sind zwei Dirigenten erforderlich, wobei der ›Assistent‹ nur ab und zu tätig wird. Die Musiker folgen – gemäß den Anweisungen in der Partitur – jeweils dem einen oder dem anderen Dirigenten, allerdings wird der Klangkörper auf der Bühne nicht in einzelne Gruppen unterteilt. Häufig werden zwei verschiedene Tempi gleichzeitig gespielt.
 

Der Text von Hans Küng ist formal wie ein gewaltiges Lied mit sechs ähnlichen Strophen angelegt. Jede bildet einen eigenen Satz der Komposition. Alle Sätze werden in der Regel von einem Orchestervorspiel eingeleitet. Anschließend stellt der Sprecher die jeweilige Kultur und ihre zentrale Leit- und Stifterfigur vor und berichtet von den ethischen Grundideen, die diese formuliert hat. Drittens erforschen Chor und Orchester in einem schattenhaften Geflüster einige der Wortklänge des Sprechers. Viertens folgen ergänzende Kommentare des Chores. Fünftens gibt es einen Hauptgesang des Chores, dem eine der bedeutendsten Schriften der jeweiligen Kultur zugrunde liegt. Sechstens folgt der Refrain des Kinderchores, zu dem – wie zu den anderen Teilen auch – das Orchester spielt.
 

Im ersten Satz habe ich eine Musik komponiert, in deren Struktur es zu zahlreichen Spiegelungseffekten kommt, die die musikalischen Theorien des alten China repräsentieren. Der Himmel wurde als ein idealisiertes Spiegelbild der Erde verstanden, und die Musik offenbarte die Harmonie, die zwischen ihnen bestehen könnte. Dies ist eine Musik, die philosophische Gedanken zum Ausdruck bringt und keine persönlichen Leidenschaften, was in sich wiederholenden Spielfiguren und aufwärts gerichteten Passagen in unterschiedlichen, aber aufeinander bezogenen Tempi zum Ausdruck gebracht wird.
 

Der zweite Satz über die jüdische Kultur verwendet das klingende Bild der Shofars, der alten Widderhörner, die ihren furchteinflößenden Klang rund um den Berg Sinai erklingen ließen, als Moses in Begriff war, mit den 10 Geboten die bedeutendsten ethischen Grundsätze zu erhalten, die je verfasst wurden. Die Blechbläser erklingen in einer Art Raumklang scheinbar ›hinter‹ der Musik. Dabei kommt es sogar zu einer Art von Fugato, vielleicht wie ein Echo aus einem Händel-Oratorium.
 

Von fugenartiger Polyphonie ist auch der dritte Satz beeinflusst, welche durch indische Glissandi jedoch schließlich aufgelöst wird. Der tanzende Shiva, der die Welt erschafft und zerstört, weckt wilde und unterschiedlichste Energien. Hier wird das volle Orgelwerk dem Orchester in einem kosmischen Tanz gegenübergestellt. Demgegenüber stehen meditative und Mantra-artige Passagen, Musik von größter Zartheit und Innigkeit.
 

Im vierten Satz, der dem Islam gewidmet ist, kommt es erstmals zu längeren Passagen, in denen das Orchester pausiert. Der Chor zelebriert die Koranpassagen (natürlich in deutscher Übersetzung) in einfacher und langsamer Art und Weise, aber in volltönenden und sakral anmutenden Harmonien, manchmal in nicht weniger als 14 verschiedenen Stimmen. Dieser A-cappella-Abschnitt bildet ein zartes und ruhiges Zentrum des Werkes.
 

Im fünften, dem Buddhismus zugeordneten Abschnitt, erklingt überwiegend eine schneller werdende Musik, die auf das Vorspiel des ersten, konfuzianischen Satzes Bezug nimmt. Dann mündet der temporeiche musikalische Verlauf in ausgelassene Freude: Buddhistische Befreiung vom Leiden kann sehr überschwänglich sein.
 

Der letzte, dem Christentum gewidmete Satz wandelt sich von einer lyrischen, warmen Musik, die sich immer wieder vor dem Vorhang eines kosmischen Kontinuums entfaltet, das durch sehr langsam wechselnde, (›ewig‹) ausgehaltene hohe Töne symbolisiert wird, zu einer Art von Bachschem Choralpräludium (schnelle Klangfiguren im Orchester und ein langsames, kräftiges Glaubensbekenntnis im Chor und Kinderchor). Wie in einer Coda breitet sich ein friedvoller Charakter aus, der von einer langsam atmenden Musik hervorgerufen wird. Ein voller Orchesterklang erhält durch die Abfolge von unbetonten und betonten Taktteilen den Charakter von ruhigen Atemzügen. Dies beinhaltet im Refrain eine ›Freiheit der Harmonie‹, wenn nämlich eine Gruppe von Individuen in eine Art von ekstatischer Glossolalie verfällt. All dies wird von einem tiefen Orgelpunkt grundiert. Dieser alles vereinigende Orgelpunkt hält den musikalischen Verlauf in ruhevoller Stase, während Musik- und Textpassagen aus den vorhergehenden Sätzen in die finale Synthese eines universellen Weltethos’ einfließen.«
 
Übersetzung: Harald Hodeige

 

 

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