Basisdokumente
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Erste Konferenz
über Weltethos und traditionelle chinesische Ethik
Peking, 10.–12. September 1997
Um unsere eigenen Ansichten über die »Erklärung zum Weltethos« und die »Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten« aus der Sicht der chinesischen Kultur zu formulieren und sie gemeinsam zu fördern, hielten wir – mit 24 ethischen, religiösen (konfuzianisch, taoistisch, buddhistisch oder christlich), politischen, juristischen, ökonomischen, historischen, philosophischen oder humanistischen Studien beschäftigten religiösen und akademischen Persönlichkeiten aus Beijing, Schanghai, Xian, Wuhan, Guang Zhou, Shen Zhen, Hai Kou und Hongkong – im Da Jue Tempel in Beijing vom 10. bis 12. September 1997 ein akademisches Symposion ab und verabschiedeten folgende Erklärung:
1. Grundansatz
Angesichts des engen Zusammenhangs zwischen der globalen ethischen Krise und der mannigfachen Not einzelner Menschen und zugleich unter Berücksichtigung der weltweit auftretenden, mächtigen Bestrebungen, den Dialog zwischen verschiedenen Religionen und das gegenseitiges Verständnis zwischen unterschiedlichen ethnischen Gruppen zu fördern, bringen wir – aus tiefstem Herzen und mit der aufrichtigen und ehrlichen Hoffnung, zur Verbesserung der ethischen Situation Chinas und der Welt beizutragen – unsere tiefempfundene Bewunderung zum Ausdruck für die langfristigen, unverminderten Bemühungen und die ernsthafte Sorge um das Schicksal der Welt und der Menschheit all der Autoren, Unterzeichner und späteren Förderern des vom Parlament der Weltreligionen 1993 diskutierten Dokumentes »Erklärung zum Weltethos«.
Wir anerkennen:
Die oben genannte Erklärung ist von immenser Bedeutung, weil sie – zu einer Zeit, in welcher die Welt dringend zur Neugestaltung der Weltordnung eine ethische Grundlage braucht – in all den schon bestehenden ethnischen Kulturen und religiösen Traditionen das für die individuelle menschliche Existenz notwendige, elementarste Ethos ausfindig macht, bekräftigt und es entsprechend den derzeitigen Existenzbedingungen noch einmal darlegt.
Obwohl ursprünglich das Ergebnis eines während mehrerer internationaler Treffen diskutierten Entwurfs einer »Erklärung zum Weltethos«, war es von allergrößtem Wert, neben den religiösen auch nicht religiöse Kreise in die Diskussion der oben genannten Erklärung einzubeziehen und gleichzeitig über die grundlegenden ethischen Elemente hinauszugreifen auf zusätzliche Elemente einer mittleren ethischen Ebene.
Die Nebeneinanderstellung der individuellen Pflichten und der individuellen Rechte der Menschen in der vom InterAction Council vorgeschlagenen »Allgemeinen Erklärung der Menschenpflichten« ist von größter Bedeutung, da sie dem oft vernachlässigten Begriff der Verantwortung sein notwendiges Gewicht gibt.
2. Hauptthemen der Diskussion
Im Geist des Dialoges und grundsätzlicher Gleichberechtigung entwickelte sich unter den Teilnehmern eine lebhafte Diskussion und Auseinandersetzung über die zu diskutierenden Themen.
Die Teilnehmer erörterten die Begriffe »traditionelle chinesische Ethik« und »globale Ethik«, und besondere Aufmerksamkeit wurde vor allem Begriffen wie »globales Ethos«, »Weltethos«, »universales Ethos«, »gemeinsames Weltethos« gewidmet im Hinblick auf ihre spezifische Bedeutungen und Grenzen, im besonderen Bezug auf die Lebensbedingungen des Individuums in der Gemeinschaft und die mögliche Gemeinschaftlichkeit der geforderten Verhaltensregeln.
Die Teilnehmer waren sich der komplexen Vielfalt der »traditionellen chinesischen Ethik« bewußt und meinten, daß diese nicht nur die konfuzianische Ethik beinhaltet, sondern auch die buddhistische und die taoistische wie auch Sitten und Gebräuche der chinesischen Volksreligion. Gleichzeitig wies man auch auf die jüngsten Veränderungen und Prüfungen hin, denen diese unterzogen wurden.
Die Beziehung von »traditioneller chinesischer Ethik« und dem oben genannten »Weltethos« stand im Mittelpunkt der Konferenz. Die Teilnehmer befaßten sich mit der Frage, inwiefern die traditionelle chinesische Ethik einen Beitrag für ein Weltethos erbringen könnte. Die traditionelle chinesische Ethik betont ganz und gar »Harmonie in Verschiedenheit«; sie sieht in der Harmonie einen zentralen Wert und die Basis des Beitrags der traditionellen chinesischen Ethik zum Weltethos.
Die Teilnehmer anerkannten als absolut notwendig, die kulturelle, ethnische und soziale Herkunft eines jeden Menschen wie auch die Vielfalt und Unterschiede der Individuen voll und ganz zu verstehen und zu respektieren. Es macht geradezu das Wesensmerkmal des »Weltethos« aus, daß seine Prämisse gerade diese Anerkennung und Annahme der Pluralität ist, um so im Geist der Gleichberechtigung an Völker und Gemeinschaften heranzutreten, die mit einem selber nicht übereinstimmen. Das verdeutlichen neben anderen die fundamentalen Prinzipien der »Erklärung zum Weltethos« wie »nicht töten«, »nicht stehlen«, »nicht Ehebruch begehen«. Diese fundamentalen Prinzipien, die man als einen bleibenden, nie geänderten Bestandteil in einer jeden Kultur oder ethischen Tradition weitergab, wurden in jedem moralischen oder religiösen Schrifttum auf überraschend identischer Art und Weise formuliert.
Um also aus der Gesamtheit einstigen und gegenwärtigen menschlichen Lebens ein Weltethos zutage zu fördern, zu entwickeln und zu erstellen, erwogen die Teilnehmer, auf welche Art und Weise die chinesische Tradition nun tatsächlich ihre Beiträge dazu leisten kann. Der Reihe nach brachte man zur Sprache und diskutierte Begriffe wie tiando (»Weg des Himmels«), tianli (»Lehre, Gesetz des Himmels«), renci (Mitgefühl, Barmherzigkeit«), ren (»Mitmenschlichkeit«), minbaowuyu (»die Sorge um Menschen und Dinge«), shengsheng (»Lebenskraft«), zhongshu (»vergebende Treue«), zhongyong (»die goldene Mitte«), li (»Sinn für angemessene Umgangsformen«), xiao (»Pietät«), liangzhi (»Gewissen«), ceyin (»Mitgefühl«), zhichi (»Schamgefühl«), guiyi (»Sinn für Gerechtigkeit«), zhongxing (»Wichtigkeit des Tuns«) und andere mehr. Diese Begriffe könnten dazu dienen, der Formulierung des »Weltethos« eine chinesische Farbgebung zu verleihen, oder auch dem Geist und dem Wert des »Weltethos« eine noch höhere Autorität zu verleihen. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Wir glauben, daß die beiden, uralten chinesischen Lehren »Wer Mitmenschlichkeit übt, ist ein wahrer Mensch« (renzherenye) und »Was du nicht willst, das man dir tut, das tue auch keinem anderen« (zisuobuyu, wushiyuren) zwei Grundprinzipien des »Weltethos« zum Ausdruck bringen.
Darüber hinaus betonten die Teilnehmer, daß ein »Weltethos« ein offenes System sei; seine Vision ist ein Ausgangspunkt, und nicht ein Zielpunkt:
Wir müssen uns weiterhin auf der Grundlage gegenseitiger Toleranz und gegenseitigem Verstehen um Dialog und Verständigung bemühen.
3. Einige Hoffnungen
Wir hoffen:
• daß die Vision eines Weltethos zu voller Entfaltung, Verbreitung und Verwirklichung gelange; sie möge der Errichtung einer moralischen Ordnung für die regionalen wie internationalen Beziehungen aller Völker und Nationen dienen;
• daß die Vision eines »Weltethos« weitere Fortschritte macht und die Standpunkte aufnimmt und angleicht – von Repräsentanten aus den Religionen, der Politik, den Wissenschaften und all den anderen Bereichen eines jeden Volkes und einer jeden Kultur;
• daß die Vorstellung vom Weltethos und der individuellen Pflichten zum gemeinsamen Bewußtsein aller Bürger, aller Organisationen und aller Nationen wird, um so die ethische Situation Chinas wie der Welt zu verbessern.
Chen Shao-Ming · Deng Xiao-Mang · He Guang-Hu · He Huai-Hong · He Yun · Huang Ke-Jiak · Jiang Qing · Li Peng-Ye · Li Qiu-Ling · Liang Zhi-Ping · Liu Jun-Ning · Liu Xiao-Feng · Qin Hui · Tang Yi-Jie · Wan Jun-Ren · Wang Yan · Wang Zhi-Yuan · Yang Hui-Lin · Yang Xi-Nan · You Xi-Lin · Yu Dun-Kang · Zhang Qing-Xiong · Zhang Zhi-Yang · Zhuo Xin-Ming
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Aus: Helmut Schmidt (Hrsg.),
Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten.
München 1998, S. 101–106.
