
1. Solidarität?
Den Opfern und ihren Angehörigen, ja, der ganzen amerikanischen Nation gehört angesichts des monströsen Attentats unser uneingeschränktes Mitgefühl und unsere aktive Solidarität. Diese Solidarität hat aber Grenzen an militärischen Abenteuern, die, wie im Fall früherer Raketenangriffe auf den Sudan, unberechtigt oder, auf Afghanistan, unnütz waren und im Fall von Landoperationen in Afghanistan ungewiss sind. Ein »Krieg« mit Flottenverbänden und Flugzeuggeschwadern gegen ein terroristisches Netzwerk bringt Risiken mit sich: unberechenbare Ausweitung und antiwestliche Solidarisierung. Diese erhöhen sich, wenn noch mehr Opfer unter der Zivilbevölkerung und eventuell auch unter den eigenen Soldaten zu beklagen sind.
2. Strafmaßnahmen?
Auch die große Masse der Muslime in Deutschland und in der Welt ist über die Terrorangriffe bestürzt. Die Schuldigen sind aufzuspüren und, wenn sie unzweifelhaft feststehen, abzuurteilen. Gewaltanwendung kann bei ihrer Festnahme nicht ausgeschlossen werden. Zugleich jedoch sollten die USA (und Israel) ihre Opposition gegen die Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag aufgeben.
3. Racheaktionen?
Reine Racheaktionen sind durch Völkerrecht verboten. Gegen das »Aug um Aug, Zahn um Zahn« der Hebräischen Bibel verstößt, wer dem Gegner »zwei Augen« nimmt oder »mehrere Zähne« einschlägt und mit Panzern, Hubschraubern und Raketen gegen Steine werfende Jugendliche und Unschuldige vorgeht. Gegen das christliche Vergeltungsverbot, demzufolge Böses nicht mit Bösem vergolten werden soll, vergeht sich, wer in einem »Kreuzzug« jegliches militärische Mittel zur Bestrafung einer Nation, in der sich Attentäter aufhalten, als berechtigt ansieht (»humanitäre Kollateralschäden«). Glücklicherweise hat man in Washington die Strategie des »einen großen Schlages« (gegen Afghanistan, Irak und Syrien) zugunsten einer diplomatischen Anti-Terror-Allianz aufgegeben. Rache, »Revanche«, die Unrecht durch noch größeres Unrecht beantwortet, hat in der europäischen Geschichte und in anderen Teilen der Welt unendlich viel Elend über die Völker gebracht. Willkürliche Bombardements bewirken nichts, sondern stacheln nur den Hass an. Terror darf nicht mit Terror beantwortet werden, sondern mit den Mitteln eines Rechtsstaats.
4. Infinite Justice?
Die deutsche Übersetzung »grenzenlose Gerechtigkeit« ist unrichtig (dies wäre im Englischen »boundless, unlimited justice«). »Unendliche Gerechtigkeit« ist wie »unendliche Barmherzigkeit« ein Gottesattribut, das den Menschen nicht zusteht. »Fiat iustitia, pereat mundus« wäre als Prinzip der Weltpolitik mörderisch. Der alte Satz »Summum ius – summa iniuria« (»höchstes Recht – höchste Ungerechtigkeit«) warnt vor der Verabsolutierung des Rechts à la Michael Kohlhaas, die zu Mord und Totschlag, Unrecht und Unmenschlichkeit führen kann. Es geht nicht um einen apokalyptischen Kampf zwischen Gut (»wir«) und Böse (»sie«). Erfreulicherweise hat die USA-Regierung »Infinite Justice« jetzt ersetzt durch »Enduring Freedom« (»nachhaltige Freiheit«).
5. Clash of Civilizations?
Samuel Huntingtons Erklärungsmodell vom »Kampf der Kulturen« (so der deutsche Buchtitel) ist ungeeignet und dient zur Rechtfertigung von Vorurteilen. Die Angriffe islamistischer Terroristen galten nicht christlichen Symbolstätten, sondern Symbolstätten des amerikanischen Imperiums, dem wirtschaftlichen und militärischen Nervenzentrum der USA. Es handelt sich gerade nicht um einen generellen Zusammenprall zwischen »dem Islam« und »dem Westen«, sondern um die mörderische Attacke einer verschwindend kleinen, aber intelligenten, todesmutigen und so höchst gefährlichen Gruppe von Muslimen, die vor allem politische Ziele verfolgen, dabei allerdings religiös motiviert sind.
6. Ursachen?
Jegliche monokausale Erklärung greift zu kurz.
Ernstzunehmen sind:
a) die Ressentiments der Araber gegenüber dem Westen: Die Wunden des europäischen Kolonialismus und Imperialismus, als mehr als ein Jahrhundert lang fast die gesamte islamische Welt von Marokko bis Indonesien unter der militärischen, wirtschaftlichen und politischen Herrschaft Englands, Frankreichs, Russlands und der Niederlande stand, sind noch keineswegs verheilt;
b) die Ressentiments gegen die Präsenz der USA am Persischen Golf: Der Angriff auf das islamische Brudervolk Irak und die massive Präsenz amerikanischer Truppen auf »heiligem arabischem Boden« nahe bei Mekka und Medina war für Fanatiker wie bin Laden, der ursprünglich von Amerika aufgerüstete Bundesgenosse, Anlass zum Frontwechsel gegen Amerika. Die Unterstützung undemokratischer Regime, auch in Kuwait nach dem Golf-Krieg, hat den Anti-Amerikanismus verstärkt. Die Dauerpräsenz von zehntausenden amerikanischer Soldaten in der Golfregion seit dem Golfkrieg wird von vielen Muslimen als Demütigung und Demonstration amerikanischer Hegemonie verstanden;
c) die Ressentiments gegen Israel als amerikanischen Brückenkopf im arabischen Raum: über fünfzig Jahre praktisch parteiliche »Vermittlungspolitik« der USA für Israel (Schimon Peres: »52 Jahre haben die USA Israel keinen Wunsch abgeschlagen«) haben vor allem die Palästinenser, deren Situation sich ständig verschlimmert hat, an der ehrlichen Maklerschaft der Vereinigten Staaten für den Frieden zweifeln lassen. Der Nahost-Konflikt ist im Kern nicht ein terroristisches Problem, sondern ein Territorialkonflikt. Wenn es nach 50 Jahren nicht endlich gelingt, eine friedliche Nachbarschaft zwischen Israel und einem lebensfähigen Palästinenserstaat zu erreichen, wird man immer wieder mit Terrorangriffen inner- und außerhalb der Region rechnen müssen. Friede erfordert ein Nachgeben von beiden Seiten, vor allem aber von Seiten des Stärkeren, und das ist heute Israel, mit Unterstützung der USA die stärkste Militärmacht im Nahen Osten.
7. Terrorismus islamisch?
Die terroristische Attacke auf die USA ist von der überwältigenden Mehrheit der Muslime sofort als unislamisch verurteilt worden. Individueller oder staatlicher Terrorismus gilt unter den Muslimen allgemein als eine Pervertierung des Islam. Auch im Koran wird dazu aufgefordert, Böses mit Gutem zu erwidern oder abzuwehren (Sure 13,22). Die Menschen sollen mit Weisheit ermahnt werden, »auf die beste Weise mit Gegnern zu streiten« (16,125), und das meint offensichtlich: nicht mit Gewalt, sondern auf friedliche Weise. Zentrale Koranaussage ist der von Muslimen immer wieder zitierte Grundsatz: »Kein Zwang in der Religion« (2, 256).
8. »Djihad« im Koran?
Wie die Hebräische Bibel, so enthält auch der Koran Aufforderungen zu Kampf und Krieg. Aus der Frühgeschichte der muslimischen Gemeinschaft erklärt sich, dass die Teilnahme am Krieg im Koran wie in den Rechtstexten zur Pflicht gemacht wird. »Djihad« meint zwar nicht »heiliger Krieg«, sondern zunächst einmal »Anstrengung« im moralischen Sinn, ein »Bemühen auf dem Wege Gottes«. Die gemäßigten Muslime verstehen das Wort heute allgemein so. Aber man darf nicht bagatellisieren, dass »Djihad« auch schon in den ursprünglichen Quellen als kriegerische Auseinandersetzung verstanden wird. Und diese Aussagen können heutzutage leicht von politischen Fanatikern missbraucht werden. Deshalb stellt sich hier grundsätzlich die Frage nach der Koraninterpretation (»Koranhermeneutik«), wie wir uns als Juden und Christen ja auch schon seit langem den schwierigen Fragen der Bibelhermeneutik stellen mussten. Der Islam muss sich der Auseinandersetzung mit der Moderne ehrlich stellen!
9. Weltpolitische Neubesinnung?
Auch in den westlichen Industriestaaten drängt sich angesichts der Verschlechterung der politischen Atmosphäre seit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Sharon und US-Präsident Bush eine Neubesinnung auf:
• statt die Spirale der Gewalt hochzudrehen die Bemühung um De-Eskalation;
• statt Gewöhnung an Konflikte zwischen Israelis und Palästinensern die Mitverantwortung für Lösungen;
• statt westlicher Parteilichkeit ehrliche Maklerschaft;
statt Konfrontation neue Vertrauensbildung auf allen Ebenen;
• statt Symptombekämpfung Therapie an den sozialen und politischen Wurzeln des Terrors. Wenn jetzt plötzlich überall Milliarden für militärische und polizeiliche Zwecke lockergemacht werden können, sollten auch entsprechende Mittel für die Verbesserung der sozialen Lage der Massen zur Verfügung stehen, welche die Verlierer bei der Globalisierung sind und daher vielfach Zuflucht bei fundamentalistischen Gruppen suchen.
10. Weltethos?
Durch die Tragödie in den USA ist vielen die Dringlichkeit des Projekts Weltethos überhaupt erst aufgegangen: Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen, und kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Wenn dieser Dialog nicht stattfindet oder abgebrochen wird, so ist die Alternative die Gewalt: Wenn nicht miteinander geredet wird, so wird aufeinander geschossen. Nicht nur im Islam, auch im Judentum und Christentum, ja auch in den östlichen Religionen besteht die Gefahr, dass Religion zu politischen Zwecken instrumentalisiert wird. Dann entsteht ein hochexplosives Gemisch aus Religion und Politik. Fanatisierte Religion wird zu einer Gefahr für den Weltfrieden. Wenn der ungeheure Staub, der in der Folge der Terrorangriffe aufgewirbelt wurde, sich ein wenig gesetzt hat, muss es zu einem neuen und verstärkten Dialog kommen. Und allenthalben, stellt man fest, ist das Interesse am interreligiösen Dialog und am Weltethos auch in den Kreisen gestiegen, die diesbezüglich zurückhaltend waren.
11. Auch Muslime für ein Weltethos?
Schon die Erklärung zum Weltethos des Parlaments der Weltreligionen in Chicago 1993 ist auch von muslimischen Vertretern unterschrieben worden. Und gerade in Deutschland hat dieses Projekt unter Muslimen sehr viel positives Echo ausgelöst. Im internationalen Bereich haben sich hervorragende Muslime wie Prinz Hassan von Jordanien für die Gemeinsamkeit in ethischen Standards und gegen den Terrorismus ausgesprochen. Und es war der iranische Staatspräsident Khatami, der schon in der Vollversammlung der Vereinten Nationen 1998 den »Dialog der Zivilisationen« – in Antithese zum »Zusammenprall der Zivilisationen« – auf die Tagesordnung der UNO gesetzt hat. Mit Altbundespräsident Richard von Weizsäcker gehöre ich einer zwanzigköpfigen »Group of Eminent Persons« an, die für Generalsekretär Kofi Annan bis November einen Bericht über ein neues Paradigma internationaler Beziehungen ausarbeiten soll. Dieser Bericht wird am 8./9. November dem Generalsekretär und der UN-Vollversammlung vorgestellt, die dann über den Dialog der Zivilisationen diskutieren und eine Resolution verabschieden wird. Damit dürften dann die Ideen des Projekts Weltethos die UNO-Ebene erreicht haben.
12. Ein neues Paradigma internationaler Beziehungen?
Statt der neuzeitlichen nationalen Interessen-, Macht- und Prestigepolitik brauchen wir eine Politik regionaler Versöhnung, Verständigung und Annäherung. Was im Rahmen der EU und der OECD sich nach zwei Weltkriegen als möglich erwiesen hat, muss nach so vielen Kriegen auch im Nahen Osten und in anderen Konfliktgebieten dieser Erde möglich sein: statt der früheren Konfrontation, Aggression und Revanche jetzt Kooperation, Kompromiss und Integration.
Natürlich ist Politik im neuen Paradigma nicht einfach leichter geworden, sondern bleibt – die jetzt freilich gewaltfreie – »Kunst des Möglichen«. Wenn sie funktionieren soll, kann sie sich nicht gründen auf einen »postmodernistischen« Beliebigkeitspluralismus. Vielmehr setzt sie einen gesellschaftlichen Konsens bezüglich bestimmter Grundwerte, Grundrechte und Grundpflichten voraus. Dieses elementare Weltethos muss von allen gesellschaftlichen Gruppen mitgetragen werden, von Glaubenden wie Nichtglaubenden, von den Angehörigen der verschiedenen Religionen wie Philosophien oder Ideologien.

