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‹‹- Übersicht: Texte von Hans Küng

 
(1) -›› Benedikt XVI. – Ein Papst der Hoffnung?
(2) -›› Wohin steuert Benedikt XVI.
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Benedikt XVI. – Ein Papst der Hoffnung?
 
Daß Joseph Ratzinger sich als ein Papst des Glaubens verstehen würde, war zu erwarten. War er doch fast 20 Jahre Präfekt der Glaubenskongregation. Als Glaubenswächter hat er zahlreiche Dokumente und einen schwergewichtigen Katechismus zur Regulierung des katholischen Glaubens vorbereitet und hat zahlreiche Theologen, Seelsorger, Bischöfe, die ihm vom wahren Glauben abzuweichen schienen, verwarnt, getadelt, zensuriert, ja abgesetzt. Und noch am Vorabend des Konklaves hielt er eine leidenschaftliche Predigt gegen die »Diktatur des Relativismus«, ohne auch nur mit einem Wort zu erwähnen, daß viele katholische Gläubige eher eine »Diktatur des Lehramtes« in Glaubens- und Sittenfragen fürchten. Doch Joseph Ratzinger präsentierte sich zur Überraschung vieler in seinem ersten Auftreten und in seiner ersten Enzyklika als Papst der Liebe. Und dieses Lehrschreiben entpuppte sich nicht als Manifest des Kulturpessimismus oder leibfeindlicher Sexualmoral, sondern als theologisch solide gearbeitetes Dokument über Eros und Agape, Amor und Caritas, das keine falschen Gegensätze aufbaut. Viele aber fragen sich: Wird der theologisch so programmatisch herausgestellte Primat der Liebe Konsequenzen haben für die kirchlichen Strukturen und juristischen Regelungen sowie den liebevollen Umgang mit den in der Kirche marginalisierten Gruppen?
 
Darf man sich aber diesbezüglich überhaupt Hoffnung machen? Dies scheint mir die zentrale Anfrage an diesen Pontifikat zu sein: Wird sich Joseph Ratzinger auch als Papst der Hoffnung erweisen? Ich habe nie verheimlicht, daß die Wahl des Chefs der Glaubenskongregation, früher Inquisition genannt, zum Papst für mich eine »Riesenenttäuschung« war; doch sollte man ihm eine Chance geben. Trotz aller Kritik hatte ich mich deshalb zunächst in meinem Urteil zurückgehalten und den neuen Papst, wie seit Jahren geplant, um ein persönliches Gespräch gebeten. 27 lange Jahre hatte ich vergebens darauf gewartet, auf meine Briefe an seinen Vorgänger eine Antwort zu erhalten. Verständlich daher, daß es für mich die Erfüllung einer nicht geringen Hoffnung bedeutete: Auf meinen Brief vom 30. Mai 2005 erhielt ich schon am 15. Juni von Benedikt XVI. eine freundliche Antwort: Er sei zu einem »brüderlichen Gespräch« mit mir bereit. Das fand denn auch am 24. September 2005 im päpstlichen Sommerpalast Castel Gandolfo statt und dauerte volle vier Stunden. Für viele in aller Welt ein Hoffnungszeichen, daß trotz unterschiedlicher Wege und Positionen doch das entscheidend Gemeinsame geblieben ist: die Gemeinsamkeit des Christseins, des Dienstes an derselben Kirche und des gegenseitigen Respekts bei allen Kontroversen. Dabei wurden die Differenzen nicht übertüncht. Ich wollte die Anliegen vertreten, die von großen und gewichtigen Teilen unserer katholischen Kirche mitgetragen würden; ich hatte dem Papst meinen vor dem Konklave publizierten Offenen Brief an die Kardinäle beigelegt, der meine Sicht des künftigen Kurses in der Kirche und ein umfassendes Reformprogramm darlegt. Aber es schien mir wenig sinnvoll, beim persönlichen Gespräch im Detail einzelne innerkirchliche Reformen zu diskutieren, von denen wir seit langem eine völlig unterschiedliche Auffassung haben.
  
Ich hatte ganz allgemein nicht wieder einen Medienpapst gewünscht, sondern einen ökumenisch gesinnten Seelsorgepapst. Und da gibt es Ansätze zur Hoffnung: Dieser Papst ist ein eher ruhiger, nachdenklicher, um Reflexion bemühter Gelehrter, der nicht ständig auf große öffentliche Auftritte aus ist; sowohl die Reisen wie die Minutenaudienzen hat er reduziert. Ein eher langsamer, in kleinen Schritten vorangehender Oberhirte, der Zeit braucht und mit kleinen Änderungen versucht, womöglich größere Veränderungen in Gang zu setzen; kurze Zeiten freier Diskussion in der jüngsten Bischofssynode und die Einladung der Kardinäle zu einem freien Meinungsaustausch haben mindestens einen Anfang von Kollegialität geboten. Ein noch in manchem freier, jedenfalls nicht ganz und gar festgelegter Konservativer, der (wie in der Bereitschaft zum Gespräch mit mir) die Welt noch mit eigenen Entscheidungen überraschen dürfte.
 
Ich weiß, daß viele kundige Beobachter dieses Pontifikats skeptisch sind: »Can a leopard change its spots – Kann ein Leopard seine Flecken ändern«, fragen sich Engländer, »Hat der Wolf nicht doch nur Kreide gefressen?«, manche Deutsche. Ich bleibe Realist, möchte aber die Hoffnung nicht aufgeben. Es kommt selten so gut, wie man hofft, aber auch nicht immer so schlimm, wie man fürchtet.

 
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